Teil 6 von 9 · Stand 16.10.2026
Euro oder D-Mark? Was der Euro Deutschland gebracht hat
Eine faktenbasierte Bilanz nach über 25 Jahren Euro: was Deutschland mit der gemeinsamen Währung gewonnen hat, was es gekostet hat und was mit einer D-Mark passiert wäre.
Der Euro hat Deutschland stabile Preise und Exporterfolge gebracht. Er hat Deutschland aber auch die Kontrolle über seine Geldpolitik gekostet und Risiken aufgebürdet, die es mit der D-Mark nicht gegeben hätte.
Preisstabilität: besser als ihr Ruf
Der Euro sollte so stabil sein wie die D-Mark. Gemessen an der Inflation ist er das: Zwischen 1951 und 1998 lag die Teuerung in Deutschland im Schnitt bei rund 2,9 Prozent im Jahr, von 1999 bis 2025 bei rund 1,9 Prozent, einschließlich des Inflationsschubs 2022/23 mit Spitzenwerten von 8,8 Prozent im Herbst 2022. Bis 2019 lag der Euro-Schnitt sogar bei nur 1,4 Prozent. Diese Durchschnitte sind auf Basis der amtlichen Jahresraten berechnet.
Der „Teuro“ war vor allem gefühlt: Das Statistische Bundesamt errechnete für die ersten zehn Euro-Jahre eine durchschnittliche Teuerung von 1,6 Prozent, nach 2,2 Prozent in den zehn Jahren davor. Einzelne, häufig gekaufte Waren und Dienstleistungen wie Gastronomie und Energie sind aber tatsächlich stark teurer geworden, und das prägte die Wahrnehmung zu Recht.
Die Nullzinsjahre: Sparer zahlten, Schuldner gewannen
Von 2014 bis 2022 lag der Einlagesatz der EZB unter null, zeitweise bei minus 0,5 Prozent. Für deutsche Sparer, die traditionell viel auf Sparbuch und Festgeld halten, war das ein harter Einschnitt. Die DZ Bank bezifferte die entgangenen Zinsen nach rund zehn Jahren Niedrigzins auf 648 Milliarden Euro, nach Abzug der Ersparnis bei Krediten auf netto 358 Milliarden Euro.
Die andere Seite: Der Staat und alle Schuldner profitierten. Nach Berechnungen der Bundesbank zahlte allein der Bund von 2008 bis 2016 rund 155 Milliarden Euro weniger Zinsen als zu Vorkrisenzinsen. Die Niedrigzinspolitik war auch eine stille Umverteilung von Sparern zu Schuldnern, und zu den größten Schuldnern gehören Staaten.
2022 kam die Inflation hinzu: Die DZ Bank rechnete für dieses eine Jahr mit einem realen Wertverlust verzinster Geldanlagen von rund 395 Milliarden Euro.
Die Euro-Rettung: Haftung für andere
Der Maastricht-Vertrag versprach, dass kein Euro-Land für die Schulden eines anderen einstehen muss (heute Art. 125 AEUV). In der Schuldenkrise ab 2010 wurde dieses Versprechen mit Hilfskrediten an Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Zypern umgangen. Der Europäische Gerichtshof hat das unter strengen Auflagen gebilligt.
Griechenland erhielt bis 2018 Hilfskredite von zusammen 288,7 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil an den Haftungen lag nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages bei über 70 Milliarden Euro. Bislang sind diese Kredite nicht ausgefallen, sondern mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen gestundet; Deutschland hat aus Anleihekäufen und KfW-Krediten sogar Zinseinnahmen erzielt. Das Risiko bleibt aber über Jahrzehnte bestehen.
Am Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM ist Deutschland mit rund 27 Prozent beteiligt: 21,7 Milliarden Euro sind eingezahlt, insgesamt haftet Deutschland mit bis zu 190 Milliarden Euro.
Die EZB als Staatsfinanzierer?
Um den Euro zu stabilisieren, kaufte die EZB ab 2010 Staatsanleihen in großem Umfang, mit den Programmen SMP, PSPP und in der Pandemie PEPP mit einem Rahmen von 1.850 Milliarden Euro. Kritiker sehen darin eine verbotene Staatsfinanzierung durch die Hintertür.
Das Bundesverfassungsgericht entschied am 5. Mai 2020, dass die EZB beim Anleihekaufprogramm PSPP ihre Kompetenzen überschritten habe, weil sie die Verhältnismäßigkeit nicht geprüft hatte, auch mit Blick auf die Folgen für Sparer. Es stellte sich damit gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Die EZB lieferte ihre Abwägung nach, der Konflikt wurde beigelegt, der Grundsatzstreit ist geblieben.
Die Kosten zeigen sich inzwischen bei der Bundesbank: Weil sie auf die in der Krise geschaffenen Einlagen hohe Zinsen zahlen muss, machte sie 2024 mit 19,2 Milliarden Euro den ersten Verlust seit 1979 und 2025 erneut rund 8,6 Milliarden Euro Verlust. Eine Gewinnausschüttung an den Bundeshaushalt gab es zuletzt für das Jahr 2019.
TARGET2: eine Billion als Forderung
Über das Zahlungssystem TARGET2 hat die Bundesbank Forderungen gegenüber dem Eurosystem angehäuft, die 2026 bei rund einer Billion Euro liegen. Ende 2021 erreichte sie mit rund 1,2 Billionen Euro einen Rekord.
Was das bedeutet, ist umstritten. Die EZB sieht darin einen technischen Verrechnungsposten, der vor allem durch die Anleihekäufe gewachsen ist. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest sehen darin unbesicherte Kredite, die im Fall eines Zerfalls des Euro oder der Zahlungsunfähigkeit einer nationalen Zentralbank zu Verlusten führen könnten, und fordern eine Besicherung.
Regeln, die auch Deutschland gebrochen hat
Zur Ehrlichkeit gehört: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt wurde früh von Deutschland selbst aufgeweicht. Von 2002 bis 2005 lag das deutsche Haushaltsdefizit jedes Jahr über der Grenze von 3 Prozent. Im November 2003 setzten Deutschland und Frankreich im Rat der Finanzminister durch, dass die Defizitverfahren gegen sie ausgesetzt wurden. Der Europäische Gerichtshof erklärte diesen Beschluss 2004 für nichtig, 2005 wurde der Pakt gelockert.
Das hat anderen Ländern ein Signal gegeben. Heute liegt die deutsche Schuldenquote bei rund 64 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Italiens und Griechenlands bei rund 137 beziehungsweise 146 Prozent.
Was Deutschland gewonnen hat
Deutschland ist eine Exportnation. Rund 39 Prozent seiner Ausfuhren gehen in den Euroraum, wo es seit 1999 keine Wechselkursrisiken und keine Umtauschkosten mehr gibt.
Vor allem aber ist der Euro für die deutsche Wirtschaftskraft zu schwach. Der Internationale Währungsfonds schätzt den realen Wechselkurs Deutschlands um rund 6,6 Prozent unterbewertet. Für die Exportindustrie ist das ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil, für Verbraucher und Importeure ein Nachteil, weil Importe teurer sind, als sie mit einer eigenen Währung wären.
Das Centrum für Europäische Politik kam 2019 in einer Modellrechnung zu dem Ergebnis, Deutschland habe von 1999 bis 2017 rund 1,9 Billionen Euro oder 23.000 Euro pro Kopf durch den Euro gewonnen, während Italien und Frankreich verloren hätten. Die Methode ist in der Wissenschaft umstritten; die Zahl ist ein Modellwert, kein ausgezahlter Betrag.
Was mit der D-Mark passiert wäre
Niemand kann das genau sagen; jede Zahl dazu ist eine Modellannahme. Sehr wahrscheinlich ist: Eine eigene D-Mark wäre wegen der deutschen Exportüberschüsse deutlich aufgewertet worden.
Wie sich das anfühlen kann, zeigt die Schweiz. Als die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015 den Mindestkurs zum Euro aufgab, wertete der Franken schlagartig auf. Die Wachstumsprognose für 2015 sank von 2,1 auf 0,8 Prozent, Exporteure, Tourismus und Handel gerieten unter Druck, Unternehmen verlagerten Produktion. Eine Depression gab es nicht, aber einen spürbaren Dämpfer.
Für Sparer und Verbraucher hätte eine starke D-Mark Vorteile gehabt: billigere Importe und Urlaube und eine Bundesbank, die ihre Geldpolitik allein an deutschen Verhältnissen ausrichtet. Ob die Zinsen höher gewesen wären, ist offen: Die Schweiz hatte trotz eigener Währung von 2015 bis 2022 Negativzinsen, um die Aufwertung zu bremsen. Für Industrie und Arbeitsplätze im Export wäre es härter geworden.
Die verlorene Stimme
Mit der D-Mark bestimmte die Bundesbank die Geldpolitik für Deutschland. Heute ist sie eine von über zwanzig nationalen Zentralbanken im EZB-Rat. Sie hält zwar den größten Kapitalanteil, aber im Rat gilt grundsätzlich: ein Land, eine Stimme. Wegen des Rotationssystems hat der Bundesbankpräsident in etwa einem von fünf Monaten kein Stimmrecht. Deutschland trägt den größten Einzelanteil am Risiko, hat bei geldpolitischen Entscheidungen aber im Grundsatz nur eine Stimme wie jedes andere Land und stimmt wegen der Rotation etwas häufiger, aber nicht immer ab. Nur bei Fragen zu Kapital und Gewinnverteilung zählt der Kapitalanteil.
Unsere Bilanz
Der Euro ist für Deutschland weder das Desaster, als das ihn manche darstellen, noch die reine Erfolgsgeschichte, die andere erzählen. Die Preise waren stabiler als zu D-Mark-Zeiten, und die Exportwirtschaft hat profitiert.
Bezahlt haben dafür vor allem die Sparer, durch ein Jahrzehnt ohne Zinsen, und die Steuerzahler, die über ESM, TARGET2 und die Verluste der Bundesbank Risiken tragen, die in keinem Wahlprogramm standen. Das Versprechen, dass kein Land für die Schulden eines anderen einsteht, ist nach Ansicht vieler Kritiker ausgehöhlt worden, auch wenn der Europäische Gerichtshof die Hilfen rechtlich gebilligt hat, und mit der Geldpolitik hat Deutschland eine Machtquelle abgegeben, auf die es keinen bestimmenden Einfluss mehr hat.
Ob es mit der D-Mark besser gewesen wäre, hängt davon ab, wen man fragt: den Exporteur oder den Sparer. Wer den Euro kritisch sieht, hat dafür gute Gründe. Wer ihn verteidigt, auch. Entscheidend ist, die Debatte mit Zahlen zu führen und nicht mit Parolen.
Was stimmt und was nicht
Quellen
- Destatis: Inflationsrate 2025 (16.01.2026)
- Destatis: Verbraucherpreise 2022 nach Revision (22.02.2023)
- Destatis: Zehn Jahre Euro-Bargeld, Preisentwicklung (Bericht The Local) (16.12.2011)
- Destatis (WISTA): Euro als Teuro? Wahrgenommene Inflation (09/2005)
- EZB: Leitzinsen
- Börsen-Zeitung: Zinseinbußen der Sparer (DZ Bank) (14.05.2019)
- Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages, WD 4-3000-046/18 (Zinsersparnis) (02.03.2018)
- ESM: Griechenland-Programme, Factsheet (2018)
- Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages, WD 4-049/16 (Haftung Griechenland) (2016)
- ESM-Finanzierungsgesetz § 1
- Parlament Österreich: Judikaturauswertung BVerfG 2 BvR 859/15 (08.07.2020)
- cash.ch/AWP: Bundesbank macht 2025 Verlust (05.03.2026)
- EZB: Was sind TARGET-Salden? (24.07.2025)
- ifo Schnelldienst: Fuest/Sinn, TARGET-Risiken (20.12.2018)
- EuGH-Pressemitteilung 57/04 zum Stabilitätspakt (C-27/04) (13.07.2004)
- Bundesbank: Deutsche Staatsschulden 2025 (2026)
- IWF: External Sector Report 2026 (07/2026)
- cep: 20 Jahre Euro – Gewinner und Verlierer (2019)
- swissinfo: Die Kosten des Frankenschocks
- EZB: Kapitalzeichnung (01.01.2026)
- Bundesbank: Rotation der Stimmrechte im EZB-Rat
Stand 16.10.2026. Allgemeine Information, keine Rechts- oder Finanzberatung. Rechtliche Hinweise