Gesetzes-Check · Stand 26.10.2026
Haushalt 2027: 204 Milliarden neue Schulden
Der Bund will 2027 rund 204 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen, 118,7 Milliarden im Kernhaushalt und den Rest über Sondervermögen. Es ist die zweithöchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik. Allein die Zinsen kosten 2027 knapp 42 Milliarden Euro, bis 2030 fast das Doppelte.
Verfahrensstand: Regierungsentwurf vom 06.07.2026 (BT-Drs. 21/7300), seit September im Bundestag in Beratung; Bereinigungssitzung am 12.11.2026, Schlussabstimmung geplant am 27.11.2026
Die Zahlen auf einen Blick
- Ausgaben im Kernhaushalt 2027: 555,4 Mrd. €, das sind 30,9 Mrd. € oder 5,9 % mehr als 2026.
- Neue Schulden im Kernhaushalt: 118,7 Mrd. €. Davon fallen nur 33,4 Mrd. € unter die normale Schuldenbremse; 85,4 Mrd. € laufen über die Ausnahme für Verteidigung und Sicherheit.
- Neue Schulden insgesamt, mit den Sondervermögen für Infrastruktur, Klimaneutralität und Bundeswehr: rund 203,7 Mrd. €. Bis 2030 sollen es laut Finanzplan 219,5 Mrd. € im Jahr werden.
- Zinsen 2027: rund 41,9 Mrd. €, 11,6 Mrd. € mehr als im Vorjahr. 2030 sollen es rund 80,7 Mrd. € sein.
- Steuereinnahmen des Bundes 2027: 394,7 Mrd. €, 7,5 Mrd. € mehr als 2026.
- Schulden des Staates insgesamt (Bund, Länder, Gemeinden) Ende Juni 2026: 2.753,5 Mrd. €, davon Bund 1.907,1 Mrd. €.
Wofür das Geld 2027 ausgegeben wird
Was das für Sie bedeutet
Rechnerisch trug jeder Einwohner Ende 2025 einen Anteil von 31.887 € an den Schulden des Staates, 1.821 € mehr als ein Jahr zuvor.
Allein die Zinsen des Bundes kosten 2027 rund 500 € pro Einwohner, 2030 wären es fast 970 € (eigene Rechnung mit rund 83,5 Millionen Einwohnern). Dieses Geld fehlt für alles andere, und es wird mit jedem neuen Kredit mehr.
Gestopft werden die Lücken trotz der Rekordschulden auch beim Bürger: Die Steuern auf Alkohol, Sekt und Alkopops sollen um je 20 % steigen, beim Eltern- und Wohngeld sind Kürzungen angekündigt, und der Zuschuss an die Rentenversicherung sinkt um 1 Mrd. €.
Wie die Schuldenbremse entstand
Die Schuldenbremse wurde 2009 von der großen Koalition aus Union und SPD ins Grundgesetz geschrieben, in Art. 109 und 115. Sie war eine Lehre aus der Finanzkrise und aus Jahrzehnten steigender Schulden. Seit 2016 darf der Bund ohne Notlage nur noch neue Schulden von höchstens 0,35 % der Wirtschaftsleistung machen, die Länder seit 2020 gar keine mehr. In Krisen und Notlagen sind Ausnahmen erlaubt, wenn ein Tilgungsplan vorliegt.
Wegen Corona und der Folgen des Ukrainekriegs wurde sie 2020, 2021 und 2022 ausgesetzt. Im November 2023 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Umbuchung von 60 Mrd. € ungenutzter Corona-Kredite in den Klimafonds für verfassungswidrig. Die Schuldenbremse galt damit wieder, und die damalige Regierung zerbrach im Herbst 2024 auch am Streit ums Geld.
Wie sie 2025 ausgehebelt wurde
Am 18. März 2025 änderte der alte Bundestag, eine Woche bevor der neu gewählte zusammentrat, das Grundgesetz mit 512 zu 206 Stimmen. Der Bundesrat stimmte am 21. März zu. Seitdem sind Ausgaben für Verteidigung, Zivilschutz, Nachrichtendienste, IT-Sicherheit und Hilfe für angegriffene Staaten von der Schuldenbremse ausgenommen, soweit sie 1 % der Wirtschaftsleistung übersteigen. Nach oben gibt es dafür keine Grenze.
Zugleich wurde ein Sondervermögen von 500 Mrd. € für Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen, verteilt auf zwölf Jahre und vollständig auf Kredit: 300 Mrd. € für den Bund, 100 Mrd. € für den Klima- und Transformationsfonds und 100 Mrd. € für Länder und Kommunen. Die Länder dürfen seitdem auch selbst wieder Schulden bis 0,35 % machen.
Die 500 Milliarden: was bisher passiert ist
Ausgegeben ist das Geld noch lange nicht. Beim Bund sind von Januar bis April 2026 rund 11,2 Mrd. € abgeflossen. Von den 100 Mrd. € für Länder und Kommunen waren nach Angaben des Deutschen Städtetags bis August 2026 erst rund 500 Mio. € abgeflossen.
Das größere Problem: Ein Teil des Geldes ersetzt nur Ausgaben, die vorher aus dem normalen Haushalt kamen. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat für 2026 nachgerechnet: Beim Verkehr stehen 21,3 Mrd. € zusätzlichen Schulden nur 11,4 Mrd. € mehr Investitionen gegenüber, rund 9,9 Mrd. € sind bloß aus dem Kernhaushalt verschoben. Aus dem Klimafonds werden 10 Mrd. € für Energiekostenentlastungen ausgegeben statt für Klimainvestitionen, und Krankenhäuser, die eigentlich Kassen und Länder bezahlen sollten, bekommen 6 Mrd. € aus dem Topf. Das Fazit der Ökonomen: Der Bund investiert nur wenig zusätzlich.
Und was kommt beim Bürger an?
Im März 2025 waren 742.410 Menschen im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Das sind 30 % mehr als vier Jahre zuvor. Nach Studien stellt zudem ein großer Teil der Berechtigten gar keinen Antrag.
Ein häufiger Vorwurf lautet, das Geld gehe vor allem ins Ausland. Die Zahlen zeigen ein differenzierteres Bild: Der Etat des Entwicklungsministeriums sinkt 2027 zum fünften Mal in Folge, auf rund 9,5 Mrd. € nach 12,2 Mrd. € im Jahr 2023. Für die Ukraine sind rund 11,6 Mrd. € eingeplant. Die mit Abstand größten Posten sind Soziales mit 201,5 Mrd. €, wovon ein großer Teil als Zuschuss an die Rentenversicherung geht, und die Verteidigung mit 109,8 Mrd. €.
Was die Befürworter sagen
- Die Bundesregierung verweist auf die veränderte Sicherheitslage und auf einen jahrzehntelangen Investitionsstau bei Straßen, Brücken, Schienen und Schulen. Wer jetzt nicht investiere, hinterlasse den nächsten Generationen eine marode Infrastruktur.
- Viele Ökonomen halten Kredite für Investitionen für vertretbar, solange sie tatsächlich zusätzlich investiert werden und das Wachstum stärken. Gemessen an der Wirtschaftsleistung ist Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin niedrig verschuldet.
Was die Kritiker sagen
- Der Bund der Steuerzahler und viele Ökonomen warnen vor einer Schuldenspirale: Die Zinsen verdoppeln sich bis 2030 und engen den Spielraum künftiger Haushalte immer weiter ein.
- Das Institut der deutschen Wirtschaft und der Sachverständigenrat kritisieren, dass das Sondervermögen teils als Verschiebebahnhof genutzt wird, um Lücken im normalen Haushalt zu stopfen.
- Kritisiert wird auch das Verfahren: Die Grundgesetzänderung beschloss ein abgewählter Bundestag in seinen letzten Tagen, mit Mehrheiten, die es im neuen Parlament so nicht mehr gegeben hätte.
Unsere Einschätzung
Die Schuldenbremse sollte genau das verhindern, was jetzt passiert: dass jede Regierung die Rechnung für ihre Politik an die nächste weiterreicht. 2025 wurde sie nicht reformiert, sondern für die größten Ausgabenblöcke abgeschaltet. Das Ergebnis sind 204 Milliarden neue Schulden in einem einzigen Jahr, und Zinsen, die bis 2030 auf rund 80 Milliarden steigen. Das ist mehr, als der Bund heute für Verkehr, Bildung und Entwicklung zusammen ausgibt.
Gleichzeitig bekommt der Bürger das Gegenteil von Entlastung: höhere Verbrauchssteuern, Kürzungen bei Familien und Wohngeld, und eine wachsende Zahl von Rentnern, die von ihrer Rente nicht leben können. Wer so viel Geld aufnimmt, muss mindestens belegen können, dass es zusätzlich investiert wird und nicht nur alte Löcher stopft. Genau das gelingt bisher nicht. Die Zinsen zahlen Sie.
Was Sie tun können
Der Haushalt 2027 ist noch nicht beschlossen. Schreiben Sie Ihren Bundestagsabgeordneten, was Sie davon halten, am besten mit einer konkreten Frage: Wie viel aus dem Sondervermögen ist wirklich zusätzlich investiert?
Wer wissen will, wofür einzelne Ministerien Geld ausgeben, kann nach dem Informationsfreiheitsgesetz nachfragen, etwa zu Beraterverträgen. Muster dafür stehen unter Mitmachen.
Quellen
- Deutscher Bundestag, hib: Haushaltsentwurf 2027 zugeleitet (BT-Drs. 21/7300) (14.08.2026)
- WirtschaftsWoche: Bund plant für 2027 neue Schulden von fast 204 Milliarden Euro (03.07.2026)
- ZDFheute: Haushalt 2027, mehr Schulden und höhere Ausgaben (06.07.2026)
- Statistisches Bundesamt: Öffentliche Schulden im 2. Quartal 2026 (29.09.2026)
- Vergabeblog nach Destatis: Pro-Kopf-Verschuldung 2025 (07.08.2026)
- Deutscher Bundestag: Grundgesetzänderung am 18.03.2025 (18.03.2025)
- Friedrich-Ebert-Stiftung: Die Schuldenbremse
- Institut der deutschen Wirtschaft: Bund investiert nur wenig zusätzlich (13.09.2025)
- Creditreform: 500 Milliarden Sondervermögen, aber kaum Wirkung (17.07.2026)
- IT BOLTWISE: Mittelabfluss bleibt deutlich hinterher (Städtetag) (06.08.2026)
- Sachverständigenrat: Zusätzlichkeit und Investitionsorientierung des Sondervermögens verbessern
- evangelisch.de/epd: Entwicklungsetat sinkt unter 9,5 Milliarden (06.07.2026)
- Deutsches Ärzteblatt/AFP: Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter steigt weiter (08.07.2025)
Stand 26.10.2026. Allgemeine Information, keine Rechts- oder Steuerberatung. Rechtliche Hinweise