Generation City
Amtsschimmel Paragrafen-Museum

Sonderausstellung · Stand 03.11.2026

Der Staat gönnt sich

Während überall gespart werden soll, gibt der Staat für sich selbst kräftig aus. Folge 1: Der Erweiterungsbau des Kanzleramts kostet voraussichtlich 777 Millionen Euro und damit mehr als das gesamte heutige Gebäude. Der Bundesrechnungshof sagt, es entstehen mehr Schreibtische als nötig.

Überall soll gespart werden, im Bundeshaushalt, bei den Krankenkassen, beim Wohngeld. Gleichzeitig gönnt sich der Staat an manchen Stellen Ausgaben, die kaum jemand vermuten würde. Diese Sonderausstellung sammelt solche Fälle, einen nach dem anderen. Jede Angabe hat eine Quelle, eigene Rechnungen sind als solche gekennzeichnet, und wir lassen die Begründung der Verantwortlichen nicht weg.

Folge 1: Der Erweiterungsbau des Kanzleramts

Ein Neubau für rund 400 Büros, eine Hubschrauberplattform, zwei Brücken und eine Kita, mitten im Regierungsviertel. Fertig werden soll er 2028.

Zahl 01

777 Millionen Euro

Kostenprognose der Bundesregierung

Die Entwurfsunterlage Bau von 2022 rechnete mit rund 637 Mio. €, Preisstand erstes Quartal 2022. Für allgemeine Baupreissteigerungen kommen rund 140 Mio. € Risikoreserve hinzu. Die prognostizierten Gesamtkosten liegen damit bei 777 Mio. €. Allein für 2026 sind im Haushalt 140,2 Mio. € eingeplant.

Quelle: bundesregierung.de: Erweiterung des Kanzleramtes (Stand 10.04.2026) · Bundesrechnungshof, Bericht nach § 88 Abs. 2 BHO zum Einzelplan 04 vom 12.09.2025, veröffentlicht von Table.Media

Zahl 02

Von 485 auf 777 Millionen

Kostenentwicklung

Die erste genannte Schätzung lag bei 485 Mio. €. 2019 hob das Innenministerium die Prognose auf mindestens 600 Mio. € an, Preisstand September 2019. Das Finanzministerium erkannte 2022 dann 636,8 Mio. € an. Heute stehen 777 Mio. € im Raum, rund 60 Prozent mehr als die erste Zahl.

Begonnen hat der Bau 2023, fertig werden soll er laut Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2028.

Quelle: BT-Drs. 19/29601, Antwort der Bundesregierung vom 11.05.2021 · BBR: Projektinformation Erweiterung Bundeskanzleramt · Bundesrechnungshof, Bericht nach § 88 Abs. 2 BHO zum Einzelplan 04 vom 12.09.2025, veröffentlicht von Table.Media

Zahl 03

Teurer als das ganze heutige Kanzleramt

Vergleich mit dem Bestandsbau

Das 2001 bezogene Kanzleramt kostete damals 262,5 Mio. €. Auf Preise von Anfang 2022 hochgerechnet sind das 542,9 Mio. €, so die Bundesregierung selbst. Der Anbau wird damit voraussichtlich deutlich teurer als das gesamte bestehende Gebäude.

Quelle: bundesregierung.de: Erweiterung des Kanzleramtes (Stand 10.04.2026)

Zahl 05

Rund 1,9 Millionen Euro pro Büro

Eigene Rechnung

Der Neubau soll bis zu 400 Büroräume bekommen. Teilt man die 777 Mio. € durch 400, kostet rechnerisch jeder Büroraum rund 1,9 Mio. €. Pro Arbeitsplatz sind es bei 590 geplanten Plätzen rund 1,3 Mio. €. In beiden Werten stecken alle Nebenanlagen mit drin, also Landeplattform, Brücken, Tunnel, Kita und Logistikgebäude. Ein einzelnes Büro kostet also nicht so viel, aber so viel kostet der Bau pro Büro.

Quelle: bundesregierung.de: Erweiterung des Kanzleramtes (Stand 10.04.2026) · Bundesrechnungshof, Bericht nach § 88 Abs. 2 BHO zum Einzelplan 04 vom 12.09.2025, veröffentlicht von Table.Media

Zahl 06

Hubschrauberplattform, zwei Brücken, Tunnel, Kita

Was alles dazugehört

Zum Projekt gehören eine 23 Meter hohe Landeplattform für Hubschrauber, die den bisherigen Landeplatz im Park ersetzt, eine neue Südbrücke und eine weitere Fußgängerbrücke über die Spree, ein Tunnel für die Zufahrt der Beschäftigten mit rund 20 Mio. € Mehrkosten, ein eigenes Post- und Logistikgebäude mit Wache, eine Kantine, eine Kita für bis zu 15 Kinder, ein Sportraum für bis zu 25 Personen und eine neue Amtswohnung für den Kanzler. Deren Ausstattungskosten sind nach Angaben der Bundesregierung noch nicht bezifferbar.

Für den Bau wurden rund 180 Bäume dauerhaft entfernt, rund 200 sollen neu gepflanzt werden.

Quelle: bundesregierung.de: Erweiterung des Kanzleramtes (Stand 10.04.2026) · BBR: Projektinformation Erweiterung Bundeskanzleramt

Zahl 07

Mehr Schreibtische als Personal

Bundesrechnungshof, September 2025

Nach dem Bericht des Bundesrechnungshofs an den Haushaltsausschuss vom 12. September 2025 bieten Bestand und Neubau zusammen 1.050 Büroarbeitsplätze. Laut Kanzleramt stehen dafür rund 940 Stellen zur Verfügung. Schon danach bleiben rund 110 Arbeitsplätze übrig.

Der Rechnungshof kritisiert außerdem, dass das Kanzleramt den Neubau so plant, als würden fast alle Beschäftigten täglich im Büro sitzen. Vorgesehen ist eine Belegungsquote von 0,9 statt der vom Finanzministerium für Ende 2026 angestrebten 0,75. Modernes Desksharing könne das Kanzleramt angesichts seiner Homeoffice-Regeln „leicht umsetzen“, und „Leerstand ist zwingend zu vermeiden“. Der Rechnungshof verlangt „unverzüglich ein schlüssiges Belegungskonzept“.

In einem früheren Schreiben vom Juli 2025 soll der Rechnungshof laut Spiegel sogar einen Überhang von 266 Büroarbeitsplätzen genannt haben. Dieses Schreiben liegt uns nicht vor, die Zahl stammt aus Medienberichten.

Quelle: Bundesrechnungshof, Bericht nach § 88 Abs. 2 BHO zum Einzelplan 04 vom 12.09.2025, veröffentlicht von Table.Media · Apollo News unter Berufung auf den Spiegel

Zahl 08

Was das Kanzleramt sagt

Die Gegenseite

Das Kanzleramt begründet den Bau mit Aufgaben, die über mehrere Legislaturperioden gewachsen seien, etwa Pandemie, Energiekrise, Ukrainekrieg, Cyberabwehr und Digitalisierung. Rund 870 Menschen arbeiten dort, etwa 270 davon in angemieteten Außenstellen in Berlin. Sie sollen an einem Standort zusammengeführt werden.

Die Stellenzahl im Haushalt bilde Teilzeitkräfte und abgeordnete Beschäftigte nicht ab, andere Behörden könne man wegen des Sicherheitsbereichs nicht unterbringen, und neue Flächen würden durch weiteren Aufgabenzuwachs ohnehin wieder gebraucht. Der Hubschrauberlandeplatz sei für die Mobilität des Kanzlers nötig, die Kita solle Beschäftigten mit Familie die Arbeit erleichtern. Der Rechnungshof hält vor allem das Sicherheitsargument für nicht überzeugend, weil im Kanzleramt schon früher andere Stellen untergebracht waren.

Quelle: bundesregierung.de: Erweiterung des Kanzleramtes (Stand 10.04.2026) · Bundesrechnungshof, Bericht nach § 88 Abs. 2 BHO zum Einzelplan 04 vom 12.09.2025, veröffentlicht von Table.Media

Unsere Einschätzung

Die Fakten oben sind belegt. Was wir daraus schließen, steht hier, und es ist ausdrücklich unsere Meinung.

Meinung

Wer Sparen predigt, sollte selbst sparen

Niemand bestreitet, dass das Kanzleramt arbeitsfähig sein muss. Aber wer Bürgern Sparpakete zumutet, muss beim eigenen Haus besonders streng rechnen. Wenn der Rechnungshof feststellt, dass mehr Schreibtische entstehen, als es Stellen gibt, und dass moderne Büronutzung leicht möglich wäre, dann ist das kein Detail, sondern ein Maßstab für den Umgang mit Steuergeld.

Vier Forderungen

  1. Das vom Rechnungshof verlangte Belegungskonzept veröffentlichen.
  2. Die Kosten je Bauteil offenlegen, also Bürogebäude, Landeplattform, Brücken, Tunnel, Kita, Logistikgebäude und Amtswohnung.
  3. Die künftigen jährlichen Betriebs- und Unterhaltskosten beziffern.
  4. Freie Flächen anderen Bundesstellen öffnen, statt weiter Büros in Berlin anzumieten.

Selbst nachfragen

Jeder darf beim Kanzleramt nach diesen Unterlagen fragen, ohne Begründung.

  • Gibt es inzwischen das Belegungskonzept, das der Rechnungshof verlangt hat, und was steht darin?
  • Was kosten Hubschrauberplattform, Brücken, Tunnel, Kita und Amtswohnung jeweils?
  • Mit welchen jährlichen Betriebskosten rechnet die Bundesregierung für den Neubau?

Den fertigen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz gibt es unter Mitmachen. Wir stellen ihn selbst und berichten, was zurückkommt.

Stand 03.11.2026. Allgemeine Information, keine Rechtsberatung. Rechtliche Hinweise Zahlen ohne Primärquelle sind als Medienberichte gekennzeichnet. Wir bewerten Entscheidungen und Verfahren, nicht die Arbeit einzelner Beschäftigter.